Die Energiewende sachlich und differenziert betrachten
Die diesjährigen Niedersächsischen Energietage stellten die Frage: Ist die Energiewende Belastung oder Booster für den Standort Deutschland?
Belastung oder Booster – so einfach ist es nicht, auch wenn der aktuelle öffentliche Diskurs dies glauben machen will. Wettbewerbsfähigkeit gegen Energiewende, Standortpolitik gegen Klimaschutzpolitik, Wachstum gegen Wandel. Die öffentliche Debatte ist geprägt von scheinbar unvereinbaren Gegensätzen – doch die Realität ist weitaus vielschichtiger. Sich diesen vermeintlich unauflösbaren Gegensätzen mit sachlich-wissenschaftlichem Blick nähern, Perspektiven intensiv und differenziert beleuchten und diskutieren; wenn möglich, sogar eine Brücke schlagen zwischen den scheinbar unvermittelbaren Positionen: Das war das Ziel der diesjährigen Niedersächsischen Energietage (NET) am 2. und 3. Dezember 2025 in Hannover.
Rund 200 Energie-Expert:innen und Interessierte aus Gesellschaft, Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, dieses brandaktuelle Thema im Alten Rathaus in der niedersächsischen Landeshauptstadt intensiv, kritisch und fundiert zu diskutieren. Die persönliche Vernetzung kam natürlich auch nicht zu kurz.
Bestandsaufnahme zum Auftakt
Prof. Dr. Sebastian Lehnhoff, Vorstandssprecher des efzn, eröffnete die NET mit einem Impulsvortrag zum Stand der Transformation des Energiesystems und dem Stand der Diskussion zur Frage „Belastung oder Booster für den Standort Deutschland?“. Dabei machte er bereits klar, dass es eine einfache Antwort auf diese komplexe Frage nicht gäbe – was sich auch in den Ergebnissen der zahlreichen wissenschaftlichen Studien zur Energiewende spiegele.
Diese kämen je nach Ausrichtung und zugrunde gelegten normativen oder explorativen Szenarien zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen, was letztlich auch zu einem aktuellen Forschungsprojekt geführt habe: In SCOPE.efzn ordnet das Energie-Forschungszentrum Niedersachsen gemeinsam mit dem Institut für Solarenergieforschung (ISFH) und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) verschiedene Leitstudien ein und stelle deren unterschiedliche Annahmen einander gegenüber.
Niedersachsens Minister für Wirtschaft, Verkehr und Bauen, Grant Hendrik Tonne, war in diesem Jahr Schirmherr der NET. Im Rahmen der Veranstaltung ordnete Matthias Wunderling-Weilbier, Staatssekretär im Niedersächsischen Wirtschaftsministerium, das Thema der Tagung folgendermaßen ein:
„Niedersachsen hat sich in den vergangenen Jahren eine führende Position in der Energiepolitik erarbeitet. Der Ausbau Erneuerbarer Energien setzt dabei entscheidende Impulse für wirtschaftliche Entwicklung, technologischen Fortschritt und nachhaltige Versorgung. Unsere Wind- und Hafenstandorte sowie Forschungseinrichtungen schaffen dafür Voraussetzungen, die bundesweit Maßstäbe setzen.
Überall im Land zeigt sich derselbe Effekt: Wo Projekte umgesetzt werden, entstehen Arbeitsplätze, regionale Wertschöpfung und stabile Versorgungssicherheit. Niedersachsen beweist täglich, dass Transformation Realität ist – getragen von engagierten Kommunen, innovativen Unternehmen und einer starken Wissenschaft.
Entscheidend ist jetzt, dass wir dieses Momentum mit verlässlicher Politik weiter stärken: Wenn wir den eingeschlagenen Kurs im engen Schulterschluss entschlossen fortsetzen, wird die Energiewende zu einem langfristigen Wettbewerbsvorteil für unser Land.“
Ein vielfältiges Panel für vielseitige Perspektiven auf die Energiewende
Spannende Statements bekamen die Tagungsteilnehmer:innen auch im Zuge der folgenden intensiven Paneldiskussion zu hören. Dort tauschten sich der Niedersächsische Minister für Umwelt, Energie und Klimaschutz, Christian Meyer, Tobias Averbeck, als Bürgermeister der Gemeinde Bakum, Bianca Beyer, als stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Unternehmerverbände Niedersachsen (UVN), Stefan Dohler als Präsident des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und Vorstandsvorsitzender der EWE AG, sowie Prof. Dr. Sebastian Lehnhoff als Vorstandssprecher des efzn und Matthias Otte, Abteilungsleiter Ausbau Stromnetze bei der Bundesnetzagentur, aus.
Umweltminister Meyer betonte: „Die Energiewende ist eine Riesenchance und nicht nur ein Klimaschutz-Projekt. Sie ist eine Investition in die Zukunftsfähigkeit unseres Landes – ökonomisch, technologisch und letztlich auch sicherheitspolitisch. Eine konsequente Umstellung auf Erneuerbare Energien ist kein Kostenrisiko, sondern ein Stabilitätsgewinn und bietet enormes Wertschätzungspotenzial. Sie macht Deutschland unabhängiger, resilienter und langfristig wettbewerbsfähiger.
Und Niedersachsen macht es vor: Insbesondere bei Ausbau der Erneuerbaren Energien haben wir den Turbo erfolgreich gezündet. Daher müssen die ständigen Angriffe auf Förderprogramme für Gebäudesanierung, Elektromobilität, Wärmepumpen, die Ausbauziele der Erneuerbaren Energien, Grünen Stahl und Wasserstoff aufhören – denn sie verunsichern nicht nur die Verbraucherinnen und Verbraucher, sondern auch die Wirtschaft.
Wir brauchen endlich Verlässlichkeit und einen klaren Kurs zum Erreichen der Klimaziele – und kein fossiles Rollback in die Vergangenheit. Ein Ausbremsen der Energiewende würde gerade Niedersachsen als Energiewendeland Nr. 1 sehr schaden und das Investitionsvertrauen in Erneuerbare Energien und Transformation zurückwerfen.“
Best-Practice-Beispiele und Booster im Fokus
Als Beispiel für einen Booster der Energiewende stellte Alexandra Berndt vom Energie-Forschungszentrum Niedersachsen das Forschungsprogramm Transformation des Energiesystems Niedersachsen (TEN.efzn) vor. Das Ziel des Programms ist eine strategische Weiterentwicklung und Neuprofilierung der niedersächsischen Energieforschung bis 2030. Daran arbeiten rund 180 Wissenschaftler:innen von 18 Forschungspartnern in sechs eng miteinander verzahnte Forschungsplattformen. TEN.efzn vereint die wesentlichen Stärken der niedersächsischen Energieforschung und erschließt darüber hinaus neue innovative Forschungsfelder.
Im Rahmen einer Blitzlichtrunde und Posterausstellung präsentierten Vertreter:innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kommunen unterschiedliche Best-Practice-Beispiele, also weitere Booster, für die Energiewende.
Vier Fachforen mit thematischem Tiefgang
Mit diesen Impulsen gut vorbereitet, starteten die Teilnehmer:innen der NET in die vier Fachforen. Dort konnten sie ihre wichtigsten Themen vertiefen und konstruktiv diskutieren. Dass dabei durchaus kontroverse Standpunkte vertreten wurden, war beim übergeordneten Tagungsthema durchaus erwünscht.
Das Fachforum 1 widmete sich der Frage: „Energiewende – was kostet unsere Zukunft?“.
Das Fachforum 2 adressierte intelligente Stromnetze und Technologien als Effizienzbooster in Energienetzen.
Im Fachforum 3 wurden thematisiert, wie Klimafolgen, Energiewende und neue Lebenswelten einen nachhaltigen Wandel in unserer Gesellschaft bewirken.
Fachforum 4 stellte die Flexibilisierung im Energiesystem in den Fokus.
Ein Abendprogramm mit viel Fachexpertise und klaren Handlungsperspektiven
Vor dem Abendessen erwartete die Besucher:innen mit dem Abendvortrag zum Thema „Strukturwandel in Deutschland und Europa: Ansätze für eine zukunftsgerichtete Wirtschafts-, Energie- und Forschungspolitik“ von Prof. Dr. Veronika Grimm ein weiteres Highlight.
Prof. Dr. Grimm, die Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftsweise“) und Mitglied im Wissenschaftlichen Beraterkreis Wirtschaft des BMWE ist, skizzierte darin die Sicht der Wirtschaftsweisen auf Deutschland, Europa und die Welt mit Blick auf die Energie- und Forschungspolitik. Sie ordnete insbesondere ein, welche Möglichkeiten hierzulande für die Transformation bestehen und auf welche Rolle im internationalen Kontext sich Deutschland fokussieren solle.
Dazu müsse, so Grimm, die Wachstumsagenda auf Innovation setzen. Es gelte, die Innovationsförderung neu auszurichten; dabei bedeute High Risk High Impact. Mittels innovationsorientierter Regulierung könnten Standards früh mitgestaltet und ein fairer Wettbewerb gesichert werden. Wichtig sei ebenfalls, eine Skalierung zu ermöglichen. Dazu müsse der Blick auf Europa vertieft, globale Partnerschaften müssten gestärkt werden. Die Standortattraktivität lasse sich schließlich erhöhen, indem Steuern gesenkt, Regulierung abgebaut und der Arbeitsmarkt flexibilisiert würden.
Am zweiten Tag der NET wurden die Ergebnisse aus den Fachforen für alle Teilnehmenden vorgestellt und in einer Reflexionsrunde mit Dr. Anna Meincke von der Stabsstelle Innovation und Wettbewerbsfähigkeit der Niedersächsischen Staatskanzlei eingeordnet.
Prof. Dr. Sebastian Lehnhoff, Vorstandssprecher des efzn, zeigte sich erfreut darüber, „dass wir mit der Auswahl dieses brandaktuellen Themas auch mit der 17. Auflage der Niedersächsischen Energietage wieder absolut den Nerv getroffen haben.“
Über die Niedersächsischen Energietage
Die Niedersächsischen Energietage werden seit 2008 unter der Leitung des Energie-Forschungszentrums Niedersachsen durchgeführt und haben sich seitdem als bedeutendes Netzwerk-Event zum Thema Energie in Niedersachsen und darüber hinaus etabliert. Sie haben das Ziel, Fachleute und Interessierte aus Gesellschaft, Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft zusammenzuführen, um durch disziplinübergreifenden Dialog die Energiewende voranzubringen.
Mit 200 Teilnehmenden waren die diesjährigen 17. Niedersächsischen Energietage im Alten Rathaus Hannover voll ausgebucht. Foto: © Peter Heller
Auftaktfoto mit Vertreter:innen von Sponsoren, einigen Partnern aus dem NET-Programmkomitee sowie dem Nds. Umweltminister Christian Meyer (7. von links) und Staatssekretär Matthias Wunderling-Weilbier aus dem Nds. Wirtschaftsministerium (2. von links). Foto: © Peter Heller
Die Paneldiskussion zum Auftakt stimmte die Teilnehmenden auf das Thema ein und ließ ausgewählte Expert:innen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Verwaltung zu Wort kommen. Foto: © Peter Heller
Eine Posterausstellung zeigte verschiedene Best-Practice-Beispiele und "Booster" der Energiewende. Foto: © Peter Heller
Vier parallele Fachforen ermöglichten einen vertieften Austausch und intensive Diskussionen zu ausgewählten Themen rund um das Tagungsthema. Foto: © Peter Heller
Prof. Dr. Veronika Grimm beleuchtete im Abendvortrag den Strukturwandel in Deutschland und Europa und zeigte Ansätze für eine zukunftsgerichtete Wirtschafts-, Energie- und Forschungspolitik auf. Foto: © Peter Heller