Actor Constellation Analysis
Best practice aus TEN.efzn
Die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Forschungsverbund TEN.efzn trägt Früchte. In unregelmäßigen Abständen werden diese in Form von ausgewählten Tools, Entwicklungen und (Zwischen)ergebnissen vorgestellt.
Dass es sich dabei keineswegs ausschließlich um „klassische“ Transfer-Produkte wie Start-ups oder marktreife Technologien im Kontext der Energiewende handeln muss, zeigt bereits das erste Artefakt: ein funktionales Tool zur Actor Constellation Analysis.
Es wurde von der Forschungsplattform „Vertrauenswürdige Digitalisierung sicherheitskritischer Energiesysteme“ im Zuge der gemeinsamen Forschung mit den Sozialwissenschaftler:innen der Forschungsplattform „Soziale Dynamiken der Energietransformation“ entwickelt – und fand bei der Vorstellung auf der TEN.efzn-Jahrestagung im Dezember 2025 bei zahlreichen Forschenden großen Anklang.
© Florian Helfrich, Universität Oldenburg
Die Akteurskonstellationsanalyse ist eine im Wissenschaftskontext bereits eingeführte Methode, mit der komplexe Beziehungen zwischen verschiedenen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren, Technologien, natürlichen Elementen und Rahmenbedingungen in Innovations- oder Nachhaltigkeitsprozessen erfasst, analysiert und visualisiert werden können.
Ein Beispiel, um es klarer zu machen: Hinter dem Vertrag, den eine Person mit einem Anbieter zur Bereitstellung von Strom abschließt, verbergen sich noch eine ganze Menge weiterer Akteure: So kann bereits der Stromzähler, für den eine Grundgebühr fällig wird, von einem anderen Akteur stammen als dem gewählten Stromanbieter. Wer nicht im Eigentum wohnt, sondern zur Miete, ist folglich auch nicht Eigentümer seiner Heizung. Existiert auf dem Dach des Miethauses eine PV-Anlage, geht das wahrscheinlich mit einem Eigenversorgungsangebot des Vermietenden an den Mietenden einher – dieser bezieht dann einen Teil des Stromes von seinem Vermietenden, einen anderen Teil von einem anderen Anbieter.
Allein in diesem eigentlich sehr kleinen Bereich gibt es schon mehrere Akteure, die in Vertragsbeziehungen stehen, sich gegenseitig beeinflussen, Daten miteinander austauschen. Ungleich komplizierter wird es, wenn das Thema Sektorenkopplung zusätzlich ins Spiel kommt: Dann sind beispielsweise zusätzlich Betreibende von Ladesäulen, Carsharing, Netzbetreibende, etc. im Boot.
Mit Hilfe der Akteurskonstellationsanalyse sind jedoch nicht nur Einblicke in bestehende Beziehungsverhältnisse, Machtbeziehungen und Abhängigkeiten zwischen Akteuren etwa in Energiequartieren möglich; es lassen sich auf dieser Basis auch potenzielle Hindernisse für die Implementierung neuer Faktoren wie etwa fehlendes Vertrauen gegenüber bestimmten Akteuren identifizieren.
© Florian Helfrich, Universität Oldenburg
Umfangreiche Beziehungsgeflechte übersichtlich darstellen und filtern
Je umfangreicher und komplexer die zu betrachtenden Beziehungsgeflechte sind, umso wichtiger ist es, diese möglichst übersichtlich veranschaulichen zu können – gerade mit Blick darauf, diese Analyse gewinnbringend mit Kolleg:innen anderer Fachbereiche gemeinsam nutzen zu können. Dafür bietet das neue Tool, der „Constellation Analyzer“, eine interaktive Website, umfangreiche und individuelle Möglichkeiten zur Datenanalyse und -darstellung.
Es existieren nämlich keine „Standard-Karten“: Akteure, Arten von Beziehungen und Anhängigkeiten zwischen diesen, wie z.B. existierende Verträge oder der Austausch von Daten zwischen verschiedenen technischen Systemen, werden von den Forschenden passgenau erstellt und verknüpft. Die fertige Visualisierung lässt sich als Bild sowie als Vektorgrafik exportieren. Darüber hinaus kann sie als bearbeitbares Dokument erneut auf den Rechner geladen und weiterbearbeitet werden.
Um innerhalb der spezifischen Akteurskonstellationsanalyse gezielt nach Zusammenhängen und Kategorien zu suchen, wurde eine Filterfunktion eingebaut, mit der sich auf Knopfdruck exakt der Bereich darstellen lässt, der gerade genauer betrachtet werden soll.
Seien es existierende Machtverhältnisse zwischen Akteuren, der Einfluss bestimmter Gesetzesänderungen auf die Regulierung von Technologie oder damit einhergehend die Frage, woher die Gesetzgebung kommt. Seien es der Austausch und die Verwaltung von Daten, Arten von Finanzflüssen oder die Besitzverhältnisse von Anlagen im betrachteten Energiequartier – all das lässt sich dadurch strukturiert und übersichtlich darstellen.
Referenzdatenbank sorgt für Transparenz bei der Herkunft der Daten
Und weil zu den Prinzipien guter wissenschaftlicher Praxis zwingend gehört, transparent vorzugehen, also die Herkunft von verwendeten Daten und Materialien nachvollziehbar und nach bestimmten Standards zu dokumentieren, umfasst das Tool auch eine Literaturreferenzdatenbank. Diese erlaubt es den Forschenden, ihre Quellen einzufügen, sowohl verwendetes empirisches Material aus Interviews und Workshops, als auch existierende wissenschaftliche Fachliteratur.
Stammen Informationen über Beziehungen zwischen einzelnen Akteuren der Akteurskonstellationsanalyse beispielsweise aus einem Interview mit Bewohnenden, lässt sich in der Literaturreferenzdatenbank die entsprechende Zitation eintragen, welche als Grundlage für die Analyse genutzt wird. Beziehen sich die Angaben auf eine Website oder eine Publikation, können diese dort ebenfalls transparent vermerkt werden – und lassen sich später für die Erstellung eigener wissenschaftlicher Papiere exportieren und nutzen.
© Florian Helfrich, Universität Oldenburg
Veränderungen im Akteursgeflecht sichtbar machen und vergleichen
Weil sich Akteurskonstellationen innerhalb eines Projektzeitraums durchaus ändern, also neue Faktoren und Akteure hinzukommen können, war es den Entwickelnden wichtig, diese zeitliche Ebene mitzudenken und explizit im Tool zu verankern. Hierfür können verschiedene Akteurskonstellationen zu mehreren Zeitpunkten angelegt und miteinander verglichen werden.
Ein Beispiel für mögliche Veränderungen wäre Folgendes: Im Juli 2026 tritt eine neue Regelung in Kraft, die Energy Sharing zwischen Privatpersonen ermöglicht. Ab dann kann Solarstrom zwischen Nachbar:innen geteilt und verkauft werden. Ein Haushalt kann dann überschüssigen PV-Strom an einen oder mehrere benachbarte Haushalte verkaufen, ohne die vollständige Versorgung für seine Nachbar:innen übernehmen zu müssen.
Zusätzlich benötigter Strom, beispielsweise während Zeiten in der Nacht, beziehen die Nachbar:innen dann von einem sogenannten Reststromlieferanten, einem neuen Akteur, der die bisherige Akteurslandschaft ergänzt und die herrschenden Beziehungen im Verhältnis noch komplexer macht; dafür können eventuell andere Verflechtungen hinfällig sein.
Um solche Veränderungen abzubilden, lassen sich in diesem, übrigens bewusst als Open Source angelegten Tool, erstellte Akteursanalysen duplizieren und um Veränderungen, die sich bis zum Zeitpunkt einer erneuten Erhebung ergeben haben, ergänzen. So lässt sich der zeitliche Verlauf ebenso darstellen wie Vergleiche zwischen den einzelnen Zeitpunkten der Erhebungen ziehen.
Optimales Tool zum Speichern von Wissen – aber kein Selbstläufer
Allerdings: Wer hofft, einen Datensatz einfach hochladen zu können und die Beziehungen zwischen Akteuren vom Tool selbsttätig erzeugt zu bekommen, wird dies nicht umsetzen können. Und auch Funktionen zur automatischen Auswertung gibt es bisher nicht. Die Bedienung des Tools und die Datenanalyse muss eigenständig und manuell erfolgen.
Diese Arbeit ist die Grundlage, um möglichst genaue Erkenntnisse über die Entwicklung einer bestimmten Technologie oder den Transformationsprozess eines Energiequartiers zu gewinnen. Durch eine detaillierte Strukturierung und die daraus entstehende Visualisierung, können die Wissenschaftler:innen ihr Wissen und ihre Erkenntnisse transparenter und sichtbar machen.
Gerade der interdisziplinäre Austausch, die Verknüpfung von diversen Quellen und empirischem Material miteinander, sowie die kontinuierliche Reflektion über die definierten Beziehungen und Akteure in der betrachteten Konstellation, ermöglichen Forschenden Daten von einer Momentaufnahme und Liste von Akteuren zu einer Akteurskonstellationsanalyse herauszuarbeiten, welche dem komplexen, dynamischen und sich über die Zeit veränderten Charakter eines Transformationsprozesses gerecht werden kann.
Auch wenn es sich laut Florian Helfrich, Projektmitarbeiter am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Oldenburg, bereits um ein optimales Tool handle, um die von Forschenden erhobenen Daten zu analysieren, zu speichern und zu transferieren – die Entwickelnden arbeiten kontinuierlich daran weiter.
Denn noch lassen sich beispielsweise verschiedene Erhebungen verschiedener Forschungsplattformen aus verschiedenen Projekten aufgrund der Größe und Komplexität der Visualisierungen nicht ohne Aufbereitung direkt miteinander verknüpfen. Diese Funktion ist für die weitere Entwicklung des Tools geplant, liege zum jetzigen Stand jedoch noch in der Zukunft, sagt Dr.-Ing. Sven Rosinger, Koordinator der Forschungsplattform Digitalisierung.
Beim „Constellation Analyzer“ handelt es sich um ein optimales Tool, um die von Forschenden erhobenen Daten zu analysieren, zu speichern und zu transferieren.
Herausforderung: Den Aspekt Vertrauen in der Analyse implementieren und darstellen
Und auch das Vorhaben, das Thema Vertrauen in Energieinfrastrukturen, deren Entwicklung und deren Digitalisierung in die Actor Constellation Analysis des Reallabors Helleheide zu implementieren, ist eine Herausforderung, welche über die gesamte Laufzeit des Forschungsprojekts besteht.
Eine kontinuierliche Reflektion und Auseinandersetzung mit der Rolle die Vertrauen im Kontext von Energieinfrastrukturen spielt, sei definitiv das Ziel, kündigt Rosinger an. Denn TEN.efzn dockt hier an einem Vorgängerprojekt in eben diesem Reallabor an und schafft auch mithilfe des Tools eine Verbindung und Weiterführung. Zentral ist dabei das Hinzufügen der Dimension des Vertrauens – ein noch oft zu wenig erforschter Aspekt in diesem Kontext, dessen Implikation mit großer Wirkmächtigkeit auch über das konkrete Projekt hinaus einherzugehen verspricht.
Und schließlich erscheint insbesondere die Analyse indirekter Vertrauensverhältnisse spannend: Wenn eine Person ihrem Nachbarn vertraut und dieser wiederum einem Unternehmen, stellt sich die Frage, ob sich daraus mittelbar auch Vertrauen in dieses Unternehmen ergibt – beispielsweise hinsichtlich der Bereitstellung und des Betriebs von Energieinfrastrukturen wie PV-Anlagen, Wärmepumpen oder Energiespeichern.
Die Komplexität beim Implementieren des Themas Vertrauen in das Tool zur Actor Constellation Analysis sei darin begründet, so Rosinger, dass sich dieses Vertrauen nicht einfach in Zahlen fassen und abbilden lasse. Die Herausforderung, einen gangbaren Weg zur Abbildung zu finden, nähmen die Forschenden jedoch gerne an.
Die Visualierung zeigt: „Alle Akteure im Projekt zahlen auf das Gleiche ein“
Aufbauend auf ersten Akteursanalysen und Vorarbeiten, hat sich das Tool von einer Abbildung verschiedener Akteure hin zu einem interdisziplinären Forschungswerkzeug gewandelt, welches nun aktiv mit den Ergebnissen des gemeinsamen Arbeitens in der Forschungsplattform genutzt und weiterentwickelt wird.
Mittlerweile lassen sich die verschiedenen Forschungsinteressen und Untersuchungen in der Darstellung verorten und deren Verbindung zueinander weiter herausarbeiten. Es lasse sich nun deutlich visualisieren, dass alle Forschenden und deren Partner:innen in der Forschungsplattform an einem gemeinsamen großen Use-case arbeiten.
„Es ist schön, die alle zusammen auf eine Landkarte zu bringen“, sagt der Forschungsplattformkoordinator: „Auch wenn alle gefühlt isoliert voneinander von den anderen arbeiten, zahlen sie doch auf das Gleiche, auf den gleichen Anwendungsfall ein und sind miteinander verknüpft.“
Es ist schön, alle zusammen auf eine Landkarte zu bringen. Auch wenn alle gefühlt isoliert voneinander von den anderen arbeiten, zahlen sie doch auf das Gleiche, auf den gleichen Anwendungsfall ein und sind miteinander verknüpft.
Wer mag, kann den als frei verfügbares Online-Tool erstellten „Constellation Analyzer“ selbst ausgiebig testen und nutzen.
Er ist unter https://offis-esc.github.io/constellation-analyzer/ und über den nebenstehenden QR-Code aufrufbar.
Die Entwickler:innen des Tools sind nun sehr gespannt auf externes Feedback:
„Im Rahmen des TEN.efzn-Forschungsprogramms wird das Tool von uns konstant weiterentwickelt. Weitere Versionen sowie Anleitungen zur Nutzung, Lehrmaterialien, eine eigenständige Website für das Tool und Beispiel Use-Cases für eigene Analysen sind geplant und werden in weiteren Beiträgen veröffentlicht.
Als frei verfügbares Online-Tool können Sie dieses selbst testen und jedes komplexe Akteursnetzwerk visualisieren und analysieren. Nutzen Sie das Tool für Ihre Analysen und zugänglichen Wissenstransfer. Wir sind gespannt auf Ihren Anwendungsfall und freuen uns, wenn Sie Ihre Erfahrungen mit uns teilen!“
Das ist möglich per E-Mail an Sven Rosinger unter sven.rosinger@offis.de sowie Florian Helfrich unter florian.helfrich@uni-oldenburg.de .
Forschungskoordinator
Sven Rosinger, Dr.-Ing.
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, OFFIS e.V.
Softwareentwicklung
Jan-Henrik Bruhn, M.Sc.
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, OFFIS e.V.
Forschung & Evaluation
Florian Helfrich, M.Sc.
Institut für Sozialwissenschaften, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Forschung & Evaluation
Nina Kerker, M.Ed.
Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen e.V. (SOFI)