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Soziale Dynamiken der Energietransformation

Forschungsplattform im TEN.efzn

Die Energiewende ist nicht nur eine technisch herausfordernde, sondern auch eine tiefgreifende gesellschaftliche Aufgabe. Als zentrale soziale Herausforderung prägt sie unsere Gesellschaft schon heute in hohem Maße – mit weitreichenden Implikationen für die Arbeitswelt, das Zusammenleben vor Ort und die Zukunft unseres Wohlstands. 

Deshalb nimmt die Forschungsplattform Soziale Dynamiken der Energietransformation technologische Entwicklungen und soziale Dynamiken gemeinsam in den Blick.

Energiesysteme: eine zentrale Infrastruktur

Die Energiewende ist ein zentraler Baustein der gesellschaftlichen Transformation hin zu einer klimafreundlichen Gesellschaft. Neue Technologien, aber auch soziale und politische Innovationen, die mit der Energiewende einhergehen, können gerade für den Einzelnen durchaus positiv sein: Photovoltaik auf dem Dach des Eigenheims oder die Solar-Anlage am Balkon sorgen für mehr Autonomie bei der Stromerzeugung. Wer ein Elektroauto fährt, ist unabhängig von den schwankenden Ölpreisen, und wer sich in einer Bürgerenergiegenossenschaft einbringt, kann die Transformation des Energiesystems selbst aktiv mitgestalten. 

Auf der anderen Seite sorgten beispielsweise die Debatte rund um das Gebäudeenergiegesetz im Jahr 2023, aber auch stetig die Verläufe neuer Stromtrassen und der Bau von Windrädern für gesellschaftlichen Zündstoff. Auch Themen wie die Besteuerung von CO2 und steigende Energiepreise, Veränderungen in der Landschaft, im Straßenverkehr und in Betrieben sorgen nicht nur für Begeisterung und Zustimmung, sondern auch für Ängste, Ablehnung und Wut. 

„Die Energietransformation löst ganz verschiedene soziale Dynamiken aus“, sagt Julia Zilles, Koordinatorin der Forschungsplattform Soziale Dynamiken der Energietransformation. Denn zwischen Gesellschaft und Energietransformation bestehen vielfältige Wechselwirkungen. Und zwar, weil das Themenfeld Energie und Energieinfrastruktur die Gesellschaft komplett durchzieht: „Sobald die Menschen direkt betroffen sind, können starke Emotionen ins Spiel kommen“, so Zilles. 

Prof.in Dr.in Paula Bögel sieht in der Arbeit der Forschungsplattform auch Lösungen für diese Probleme: „Wir möchten besser verstehen, wie durch bedeutsame Partizipation alle Akteure mitgenommen werden können. Wir haben die Vision, dass die Energiewende so positiv auf die Gesellschaft wirken kann.“

Die Energietransformation löst ganz verschiedene soziale Dynamiken aus. Sobald die Menschen direkt betroffen sind, können starke Emotionen ins Spiel kommen.

Julia Zilles, Koordinatorin der Forschungsplattform Soziale Dynamiken

Soziale Sprengkraft der Energiewende: Polarisierung, Zeitdruck, Beteiligung und Gerechtigkeit

Obgleich das abstrakte Ziel der Klimaneutralität ein gesellschaftliches Anliegen und politisch verankert ist, bestehen hinsichtlich seiner Umsetzung unterschiedliche Interessen und Vorstellungen. Auch die Energietransformation – die für klimaverträglichere Gesellschaften als maßgeblich angesehen wird – ist längst zu einem zentralen Thema gesellschaftsdiagnostischer Forschung geworden. 

Obwohl die Mehrheit der Gesellschaft eine positive Einstellung gegenüber der Energiewende hat, führen unter anderem Anforderungen an die eigene Verhaltensänderung, das Gefühl, die Nachhaltigkeitstransformation sei elitär und ungerecht und auch Populismus dazu, dass dieses Unterstützungsbekenntnis an konkrete Bedingungen hinsichtlich des Verfahrens und der Ergebnisse der Energiewende geknüpft ist. 

Analytisch betrachtet ist das Reizwort Energiewende nur ein diffuser Sammelbegriff für viele, oft miteinander verschränkte Transitionsprozesse soziotechnischer Systeme: Technologische Innovationen werden von individuellen und kollektiven Akteuren entwickelt, verbreitet, bewertet und genutzt. Gleichzeitig wirken diese Prozesse auf bestehende Machtstrukturen sowie Akteurskonstellationen und können neue Dynamiken, Ideen und Normen hervorbringen. 

Hochkomplexe technologische Systeme stehen dabei in wechselseitigen Abhängigkeiten, geprägt von nicht-linearen Entwicklungspfaden, Rückkopplungseffekten und konflikthaften Aushandlungen, die die Steuerbarkeit der Energiewende weiter verkomplizieren. Die Kopplung sektoraler Teilsysteme – etwa an den Schnittstellen von Strom-, Wärme- und Mobilitätsinfrastrukturen – ist eine anspruchsvolle Herausforderung, da divergierende institutionelle Logiken, Pfadabhängigkeiten und Akteursinteressen unweigerlich Spannungsfelder erzeugen. Umsetzung und Verteilungseffekte dieser Prozesse werden zusätzlich von geographischen und infrastrukturellen Unterschieden beeinflusst.

 

Wir möchten besser verstehen wie durch bedeutsame Partizipation alle Akteure mitgenommen werden können. Wir haben die Vision, dass die Energiewende so positiv auf die Gesellschaft wirken kann.

Prof.in Dr.in Paula Bögel

2011 wurde die Energiewende als Gemeinschaftswerk ausgerufen. Eine weit größere Anzahl und Vielfalt an Akteuren, als bisher am Energiesystem beteiligt waren, soll sich beteiligen können. So werden etwa neue Formen der (lokalen) Energieproduktion und -verteilung (z.B. im Rahmen dezentralisierter Quartiersenergiesysteme) erprobt und alternative Praktiken zur Energienutzung entwickelt. Besonders in unterschiedlichen Formaten der Bürger:innenbeteiligung werden Chancen für die Sicherung gesellschaftlichen Rückhalts gesehen. 

Allerdings ist wenig darüber bekannt, an welchen Stellen Bürger:innenbeteiligung im Zusammenspiel mit anderen Akteuren sinnvoll institutionell verankert werden kann, durch welche Rahmenbedingungen sie maßgeblich geprägt wird und welche Dynamiken sich aus unterschiedlichen Formen der Einbindung für die Akteure selbst sowie für Transitionsprozesse ergeben.

Es ist nötig, die Spannungsverhältnisse innerhalb sehr unterschiedlicher, aber stark miteinander verwobener Kontexte tiefgreifend zu untersuchen und Transitionsprozesse systematisch zu erfassen. Eine dezidiert sozio-technische Perspektive ist ebenso fruchtbar wie analytisch geboten. Sie schärft den Blick auf verschiedene Belange, die allesamt Kernthemen zeitgenössischer sozialwissenschaftlicher Forschung betreffen. So kann nicht nur die Ko-Evolution von Gesellschaft, Umwelt und Technik systematisch untersucht werden, sondern es lassen sich beispielsweise auch Gerechtigkeitsaspekte, Fragen des Gemeinwohls sowie die Implikationen beobachteter Transitionsprozesse für die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse informierter betrachten.

 

Mit Blick auf Fragen der Gerechtigkeit, des Gemeinwohls und gleichwertiger Lebensverhältnisse muss beispielsweise die Transformation den Lebens- und Arbeitsverhältnissen vor Ort gerecht werden, um Vertrauen bei den Menschen zu schaffen und Akzeptanz zu finden. Wenn das gelingt, kann die Energiewende als Bereicherung für das Gemeinwohl erkannt werden: Dekarbonisierung und die Nutzung Erneuerbarer Energien sorgen langfristig nicht nur für Klimaneutralität, sondern auch für Versorgungssicherheit. Davon profitieren alle – inklusive künftiger Generationen. 

Gerechtigkeit in Bezug auf soziale Gruppen wie Generationen, aber auch in Bezug auf faire Prozesse und die Anerkennung legitimer Bedürfnisse ist somit ein großes Thema. Dazu kommt außerdem das Streben nach Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse (also handfeste, alltägliche Lebensqualität für alle): Die Transformation darf nicht dazu führen, dass sich wirtschaftliche und soziale Ungleichheiten noch verschärfen. Vielmehr gilt es, unterschiedliche soziale und wirtschaftliche Interessen auszugleichen. 

„Um all diese Themen adressieren zu können, brauchen wir ein viel grundlegenderes Verständnis der zugrundeliegenden Dynamiken. Wer fällt Entscheidungen? Wie werden diese legitimiert? Wo finden Beteiligungsprozesse statt und welche davon funktionieren, welche nicht? Wir setzen daher in der Plattform einerseits bei den sozialen Flieh- und Bindekräften selbst an, erforschen aber auch deren Grundlagen im Detail“, führt Sprecherin Prof.in Dr.in Jannika Mattes aus.

Um all diese Themen adressieren zu können, brauchen wir ein viel grundlegenderes Verständnis der zugrundeliegenden Dynamiken. Wer fällt Entscheidungen? Wie werden diese legitimiert? Wo finden Beteiligungsprozesse statt und welche davon funktionieren, welche nicht? Wir setzen daher in der Plattform einerseits bei den sozialen Flieh- und Bindekräften selbst an, erforschen aber auch deren Grundlagen im Detail.

Profin Dr.in Jannika Mattes

Interdisziplinäre und transdisziplinäre Zusammenarbeit hilft, soziale Dynamiken zu erkennen

Ein fundiertes sozialwissenschaftliches Verständnis der Energietransformation setzt eine große Sensibilität für die relevanten Technologien, aber auch für die gesellschaftlichen Wechselwirkungen voraus. Um diese Komplexität zu erfassen, arbeiten die Wissenschaftler:innen der Forschungsplattform Soziale Dynamiken der Energietransformation inter- und transdiszplinär mit Akteuren aus anderen Bereichen zusammen - von Anfang an und auf Augenhöhe. 

Interdisziplinäre Zusammenarbeit bedeutet, dass verschiedene wissenschaftliche Disziplinen – etwa Psychologie, Geographie, Politikwissenschaft, Ökonomie oder Technikforschung – ihre Perspektiven systematisch miteinander verknüpfen. Jede Disziplin bringt ihre eigenen Methoden, Begrifflichkeiten und Erkenntnisinteressen ein, sodass gemeinsam ein umfassenderes Verständnis der sozialen Dynamiken entsteht, als es innerhalb einer einzelnen Disziplin möglich wäre.

Transdisziplinäre Zusammenarbeit geht noch einen Schritt weiter: Hier werden nicht nur wissenschaftliche Perspektiven, sondern auch praktisches Erfahrungswissen und lokales Wissen von Akteur:innen außerhalb der Wissenschaft einbezogen, bspw. von Kommunen, Unternehmen, Bürgerinitiativen oder Energiegenossenschaften. Diese Kooperation auf Augenhöhe schafft die Möglichkeit, gesellschaftliche Fragen gemeinsam zu erforschen und zugleich konkrete Lösungen zu entwickeln.

Besonders sichtbar wird diese Zusammenarbeit in konkreten Projekten vor Ort: in Stadtquartieren, an Industriestandorten und in ländlichen Räumen. Denn die Umsetzung der Energiewende geschieht vor Ort, wo sich ganz individuelle soziale Dynamiken unmittelbar entwickeln: Einerseits entstehen Konflikte und soziale Fliehkräfte, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt herausfordern. Andererseits zeigen transformative Pionierprojekte, wie die Energiewende vor Ort gelingen kann und soziale Bindekräfte enthalten sind. 

Diese Beobachtungen sind zentral, um zu verstehen, wie Wandel in sozialen Kontexten verankert wird – und wann er auf Widerstand stößt.

Die Forschungsplattform gliedert sich dazu in drei Innovationsbereiche, die unterschiedliche, aber miteinander verflochtene Perspektiven auf diese Prozesse einnehmen:

Transition, Partizipation und kollektives Handeln sowie Soziale Flieh- und Bindekräfte.

Zentrale Forschungsthemen sind Fragen sozio-ökonomischer Ungleichheit, politischer und sozialer Flieh- und Bindekräfte sowie die damit einhergehenden Fragen der Partizipation und des kollektiven Handelns. Diese Themen werden eingebettet in die Prozesse der Energietransformation als Ganzes betrachtet.

 Was bedeuten eigentlich „Transformation“ und „Transition“ in der soziotechnischen Energieforschung? 

Der Begriff Transformation bezeichnet langfristigen, tiefgreifenden, umfassenden Wandel zentraler gesellschaftlicher Strukturen, wie ihn die Energiewende mit sich bringt. Transformationen gehen mit Disruptionen und Konflikten sowie Umverteilungen von Macht und Ressourcen einher, sind also ihrem Wesen nach politisch. Als Transitionen werden dynamische Übergangsprozesse verstanden, die durch komplexe Wechselbeziehungen von Technologien, Institutionen und Akteuren gekennzeichnet sind. Im Vergleich zu Transformationen werden mit dem Transitionsbegriff meist konkretere, zielgerichtetere (aber dennoch vielschichtige) Veränderungsprozesse in den Blick genommen, die oft eng mit der Entwicklung bestimmter Technologien einhergehen. Sowohl in der wissenschaftlichen Debatte als auch im öffentlichen Diskurs werden die Begriffe zugleich häufig synonym verwendet.

Die Energietransition umfasst einen wesentlichen Veränderungsprozess des Zusammenspiels von Technologien, Institutionen und Akteuren im Zusammenhang mit unserer Erzeugung und Nutzung von Energie. Es kommt zu Umstrukturierungen in allen Bereichen, in denen von fossilen Brennstoffen und Kernenergie auf Erneuerbare Energien umgestellt werden soll - wie Wärme, Strom und Verkehr. Daraus resultieren soziale Dynamiken, die in verschiedenen Sektoren auf ganz unterschiedliche Weise wirken. Diese sozialen Dynamiken werden von den Wissenschaftler:innen systematisch und technologieübergreifend untersucht.

Dabei sind zwei Herausforderungen zentral: Erstens beschleunigt sich der Transitionsprozess stark, um durch flächendeckenden Ausbau der Erneuerbaren Energien dem Ziel der Klimaneutralität näher zu kommen. Deswegen kommt es zweitens zu einer zunehmenden Verflechtung zwischen unterschiedlichen Technologien und Systemen (Sektorkopplung). 

Hier gilt es,

  1. die Rolle von Organisationen – wie etwa Betrieben, Unternehmen, Verbänden, Vereinen, Kommunen etc. – in Transitionsprozessen sowie die Bedeutung von Transitionsprozessen innerhalb verschiedener Organisationen besser zu verstehen, 

  2. die Wechselwirkungen zwischen regionalen Transitionen, dort installierten Technologien und Infrastrukturen sowie regional ansässigen Organisationen zu untersuchen, und

  3. die Schnittstellen zwischen Technologien in verschiedenen Konstellationen zu analysieren.

 

Ein Beispiel: Ein konkretes Forschungsfeld ist der Ausbau von Windparks vor der Meeresküste. Der massive Ausbau von Offshore-Windenergieanlagen vor allem durch Großkonzerne konfrontiert die Küstenregionen mit tiefgreifenden Veränderungen. Transitionsdynamiken, die sich dabei entwickeln, werden in Zusammenarbeit mit der Forschungsplattform Reallabor 70 GW Offshore Wind analysiert.

Nicht nur vor diesem Hintergrund untersuchen die Forscher:innen Veränderungen innerhalb der beteiligten Organisationen: Welche Wechselwirkungen ergeben sich aus Prozessen innerhalb der Organisationen und den regionalen Dynamiken? Wie gehen Organisationen die Umsetzung von Energietransitionen an? Spiegelt sich gesellschaftlicher Wandel auch innerhalb der Organisation? Entstehen darin neue Abteilungen und Rollen? Erhalten gesellschaftliche Aufgaben einen anderen Stellenwert? 

Und weiter: Wie wirkt es sich aus, wenn Technologien, die nicht unter besonderer Berücksichtigung regionaler Gegebenheiten entwickelt wurden, in einer bestimmten Region implementiert werden? Welchen Effekt haben Anpassungen an die Wünsche einzelner Akteure (z.B. von Naturschutzorganisationen geforderte angepasste Abschaltzeiten von Windenergieanlagen) auf die Einbettung in die Region und die Sektorkopplung?

Um die soziale Ausgestaltung technologischer Schnittstellen im Zuge der Sektorkopplung geht es auch mit Blick auf Wasserstoff und seine Rolle im Kontext von Brückentechnologien zwischen verschiedenen Transitionsbereichen.

Die zentrale Frage ist, wie sich diese sektorübergreifende Funktion in konkreten Konstellationen beteiligter Akteure sowie in (veränderten) gesellschaftlichen Erwartungen, Regeln und Werten niederschlägt. 

Die sozialwissenschaftliche Energieforschung nimmt meist bestimmte Technologien (z.B. Photovoltaik, Windenergie) unter ausgewählten thematischen Gesichtspunkten (Akzeptanz, soziale Gerechtigkeit, Partizipation) in den Blick. Ein systematischer Vergleich sozialer Aspekte, die bestimmten Technologien spezifisch zugeschrieben werden (z.B. Photovoltaik eignet sich gut für Bürgerbeteiligung an der Energiewende, Windenergie ruft besonders oft Proteste hervor), erlaubt die Systematisierung übergreifender sozialer Dynamiken – also von Entwicklungen, die sich unabhängig von der jeweils im Fokus stehenden Technologie beobachten lassen (z.B. je früher Bürger:innen in Planungsverfahren eingebunden werden, desto geringer ist ihr Interesse am jeweiligen Projekt). Von besonderem Interesse sind dabei die (möglichen) Rollen von Organisationen in den analysierten Transitionsprozessen. 

„Die Energiewende kann nur gelingen, wenn wir verstehen, wie unterschiedliche Akteure, Technologien und gesellschaftliche Rahmenbedingungen zusammenwirken“, erklärt Prof.in Dr.in Jannika Mattes. „Wasserstoff ist dafür ein gutes Beispiel“, so die Leiterin des Innovationsbereichs Transition. „Einerseits spielt Wasserstoff eine zentrale Rolle als Brückentechnologie. Andererseits ist an vielen Stellen noch gar nicht klar, wo der Wasserstoff herkommen soll, welche Player zusammenarbeiten müssten, welche Weichenstellungen sie dafür brauchen – und welche Widerstände es vielleicht auch geben wird“, gibt Mattes zu bedenken. „Denn solche Umstellungsprozesse sind herausfordernd für Organisationen: Sie müssen neue Kooperationen aufbauen, vielleicht alte beenden oder umstrukturieren, und dafür auch intern Veränderungen umsetzen“, erklärt Mattes. 

Die Energiewende kann nur gelingen, wenn wir verstehen, wie unterschiedliche Akteure, Technologien und gesellschaftliche Rahmenbedingungen zusammenwirken. Wasserstoff ist dafür ein gutes Beispiel: Einerseits spielt Wasserstoff eine zentrale Rolle als Brückentechnologie. Andererseits ist an vielen Stellen noch gar nicht klar, wo der Wasserstoff herkommen soll, welche Player zusammenarbeiten müssten, welche Weichenstellungen sie dafür brauchen – und welche Widerstände es vielleicht auch geben wird.

Prof.in Dr.in Jannika Mattes

Partizipation und kollektives Handeln 

Die Eindämmung der Erderwärmung und die Erreichung der Pariser Klimaziele erfordern tiefgreifende Veränderungen in allen zentralen Bereichen des Energiesystems, von der Strom- und Wärmeerzeugung über Mobilität bis zur Gebäudenutzung. Doch wie lässt sich das etablierte Energiesystem so umbauen, dass Identitäts- und Ideologiekonflikte (etwa bei der Schließung von Kohlerevieren), Informations- und Interpretationskonflikte (bspw. über die Nachhaltigkeitswirkung von Technologien) und Interessenskonflikte (z.B. um finanzielle Belastungen) nicht in Ablehnung, sondern in konstruktive Aushandlungs- und Gestaltungsprozesse münden? 

Damit die Energiewende gelingt, muss sie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden, die von der Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft getragen wird. In diesem Prozess verändern sich nicht nur Strukturen, sondern auch die Identitäten und Rollen der beteiligten Akteure. Bürger:innen werden in der Energiewende beispielsweise zunehmend von passiven Energieverbrauchern zu aktiv Mitgestaltenden: Sie gründen Energiegenossenschaften, organisieren kollektives Handeln und bringen lokale Perspektiven in politische Entscheidungsprozesse ein. Diese neuen Rollen schaffen Handlungsmöglichkeiten und Chancen für Mitgestaltung, stellen aber auch bestehende Steuerungslogiken und Verantwortungsstrukturen infrage.

„Die Energietransformation ist kein reines Infrastrukturprojekt. Sie ist auch ein sozialer Prozess, der unsere Vorstellungen von kollektivem Handeln, Partizipation, Verantwortung und Gerechtigkeit neu ordnet,“ betont Prof.in Dr.in Paula Bögel. 

Die Wissenschaftler:innen im zweiten Innovationsbereich der Forschungsplattform Soziale Dynamiken der Energietransformation untersuchen, wo und wie gesellschaftliche Partizipation in der Energiewende besonders wirksam wird – und wo ihre Grenzen liegen. Sie fragen also nicht nur, wer beteiligt wird, sondern wie Beteiligung Wirkung entfaltet. Damit möchten sie verstehen, welche Bedingungen Teilhabe ermöglichen oder behindern, welche Dynamiken zwischen Akteuren, Institutionen und Systemen entstehen und wie daraus langfristig tragfähige Formen des kollektiven Handelns erwachsen.

„Uns interessiert, wie Beteiligung nicht nur symbolisch, sondern wirklich handlungswirksam wird – für Bürger:innen ebenso wie für politische Akteure, wirtschaftliche Akteure und unser Wissenschaftssystem selbst", sagt Prof.in Dr.in Paula Bögel. 

 

Uns interessiert, wie Beteiligung nicht nur symbolisch, sondern wirklich handlungswirksam wird – für Bürger:innen ebenso wie für politische Akteure, wirtschaftliche Akteure und unser Wissenschaftssystem selbst.

Prof.in Dr.in Paula Bögel

Soziale Flieh- und Bindekräfte

Bereits in alltäglichen Beobachtungen zeigt sich, dass die Energiewende polarisiert. Denn mit ihr gehen Veränderungen von Arbeits- und Lebenswelt einher, die zu Unsicherheiten, (Verlust-)Ängsten und teilweise sogar zu massiven Protesten führt. Genannt werden kann hier beispielsweise die öffentliche Kritik am Gebäudeenergiegesetz und die daraus hervorgehende Debatte um eine ungleiche Verteilung von Risiken und Lasten in der Gesellschaft.

Hier zeigen sich Entwicklungen, die Soziolog:innen soziale Fliehkräfte nennen, da sie negative Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Prozessen der Transformation haben und die Gesellschaft hier sinnbildlich auseinanderdriftet. Ihr positives Gegenstück sind Bindekräfte, die sich ebenso entfalten können. So lassen sich diese Kräfte im Zuge der Energiewende gerade auf der lokalen Ebene mobilisieren und neue Allianzen und vielfältige Ressourcen der Kooperation etablieren: Denken wir zum Beispiel an zivilgesellschaftliche Initiativen, Genossenschaften und überbetriebliche Bündnisse.

Im Zentrum der Forschung dieses Innovationsbereiches steht die Betrachtung von ungleichen Verhältnissen, der Entwicklungen in der Arbeitswelt und der Rolle von Institutionen, beispielsweise des Staates. Bearbeitet werden sie in unterschiedlichen Kontexten, nicht zuletzt auf lokaler Ebene. Denn gerade vor Ort, in der Kommune, in der Region, wirken Flieh- und Bindekräfte in Form von gesellschaftspolitischen Veränderungen. Dabei stellen sich Fragen wie: Wer gestaltet die Energiewende vor Ort? Wie entstehen lokale Konflikte? Gibt es neue Kooperationsformen durch die Energietransformation? 

Untersuchung von konkreten Projekten

Dazu erarbeiten die Forscher:innen mit Blick auf die sozial-ökonomische Transformation in der Arbeit einzelne Fallstudien in der Automobil- und Stahlindustrie sowie im Handwerk. Untersucht wird, welche Bedeutung neue Qualifizierungswege – betrieblich wie außerbetrieblich – haben. Im Fokus steht zum einen, welchen Stellenwert Bildung jenseits der Schule in der Energiewende für die individuelle Entwicklung hat. Zum anderen wird betrachtet, in welchem Umfang Belegschaften an zentralen Entscheidungen beteiligt sind. 

Gemeinsam mit der Forschungsplattform „Vertrauenswürdige Digitalisierung sicherheitskritischer Energiesysteme“ sollen am Beispiel des Energiequartiers Helleheide in Oldenburg die Teilhabemöglichkeiten von Bürger:innen an der Energiewende untersucht werden. Die Forscher:innen erkunden, wie Bürger:innen bereits aktiv an der Gestaltung des Energiesystems mitwirken (z.B. durch flexible Stromnutzung oder als Mitglied einer Energiegenossenschaft) und welche neuen Formen der Beteiligung zukünftig entstehen könnten. Dabei soll auch ermittelt werden, unter welchen Bedingungen lokale Akteure und bürgerschaftliche Initiativen zusammenarbeiten, sodass die Energiewende zu einem gemeinsamen Trägerthema wird und „Soziale Orte“ entstehen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.

Am Beispiel von Geothermieprojekten in Niedersachsen werden in enger Kooperation mit der Forschungsplattform Geoenergiesysteme die gesellschaftlichen Effekte von neuen Technologien und Landnutzungen untersucht. Was passiert mit der Meinungsbildung und -äußerung dazu vor Ort? Wann bilden sich Initiativen der Bürgerschaft für oder gegen bestimmte Projekte der Energiewende und wie werden die dort geäußerten Positionen und Meinungen in Entscheidungen rückgekoppelt?

Macht die Technologie selbst für diese Prozesse überhaupt einen großen Unterschied oder werden hier andere Fragen verhandelt? Welche Rolle spielt zum Beispiel die Tiefe der Geothermie für die Wahrnehmung der Bevölkerung und welche Rolle spielen historische Erfahrungen mit Bohrungen? Wie wiederum kann die technische Entwicklung und Planung schon frühzeitig gesellschaftliche Fragen aufnehmen?

„Die Dynamik der Energietransformation fordert in hohem Maße den gesellschaftlichen Zusammenhalt heraus. Das betrifft sowohl Fragen sozialer Gerechtigkeit als auch das institutionelle Gefüge der Demokratie insgesamt“, so Prof. Dr. Berthold Vogel.

Die Dynamik der Energietransformation fordert in hohem Maße den gesellschaftlichen Zusammenhalt heraus. Das betrifft sowohl Fragen sozialer Gerechtigkeit als auch das institutionelle Gefüge der Demokratie insgesamt.

Prof. Dr. Berthold Vogel

 Nachhaltigkeit über TEN.efzn hinweg

Knowhow trifft in dieser Forschungsplattform wie auch im gesamten TEN.efzn-Projekt auf Zukunftsfähigkeit: Bei ihrer Kooperation nehmen die drei seit Jahren in der interdisziplinären Erforschung der Energietransformation erfahrenen Standorte in Oldenburg, Göttingen und Vechta ganz besonders auch den wissenschaftlichen Nachwuchs in den Blick. 

Es geht eben nicht nur darum, eine innovative und nachhaltige Struktur für die interdisziplinäre Energietransformationsforschung in Niedersachsen und darüber hinaus zu schaffen. Sondern auch darum, das disziplinübergreifende Forschen für Nachwuchswissenschaftler:innen zum Alltag zu machen, und zwar unterstützt von wissenschaftlichen Leiter:innen des Forschungsprojektes und erfahrenen Post-Doc-Wissenschaftler:innen. 

Denn nur so wird es ermöglicht, eine langfristige Verankerung interdisziplinärer Energieforschung und damit eine nachhaltige Wirkung über die Laufzeit von TEN.efzn hinaus zu erreichen.  

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